Schlagzeile wird Kunst – DAS PAPST-„BILD“-BUCH von Jens Lorenzen

So hat der Künstler Jens Lorenzen die „Bild“-Druckplatten verfremdet.
Foto: privat


Von Bernd Loskant

„Wir sind Papst!“

Nie ist eine Schlagzeile öfter zitiert, diskutiert und verfremdet worden als die der „Bild“-Zeitung vom 20. April 2005, jenem Tag nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Oberhaupt der katholischen Kirche.

Die Druckplatten der Zeitungsseite bezeugen, stumm und unzerbrechlich, das deutsche Jahrtausendereignis und gehörten – wie Joschka Fischers Turnschuhe – eigentlich ins Haus der Geschichte. Doch „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann gab sie nicht ins Museum, sondern dem befreundeten Künstler Jens Lorenzen, damit dieser „daraus etwas mache“. Lorenzen (51), einer der bedeutendsten Vertreter zeitgenössischer Popart, machte etwas – und schuf aus der „Bild“-Titelseite gleich einen ganzen Werkzyklus, der aus zahlreichen bunt bemalten, im positiven Sinne verschandelten Druckplatten, 99 Lithographien und einer Mini-Litfaßsäule besteht.

Inzwischen erzählt Lorenzen auch in einem Buch die eigentümliche Kunst-Geschichte, deren bisheriger Hö- hepunkt die persönliche Übergabe einer Lithographie des Künstlers an Benedikt XVI. bei einer Privataudienz in Rom war. Dabei sind die Lorenzen-Bilder keineswegs Werbeplakate für die Kirche. Indem der Berliner Maler dem Papst Markenprodukte, die klerikale Symbole in ihrem Logo oder Namen tragen, aufs Gewand pinselt und die Bilder wie zerrupfte Plakatwände aussehen lässt, stellt der Künstler zugleich die Frage nach der Autorität des Amtes: Wenn der Heilige Hubertus als Werbeträger für einen Kräuterschnaps namens Jägermeister herhalten muss, drei Klosterfrauen als Namensgeber für ein Heilwässerchen dienen und Lord nichts Majestätischeres ist als eine Zigarettenmarke, wofür steht dann eigentlich der Papst? Oder anders herum: Inwieweit sind christliche Elemente heutzutage noch authentisch erfahrbar, wenn sie allenthalben zur Verkaufsförderung missbraucht werden?

Der Frage, was Lorenzens Bilder aussagen und welche Botschaft hinter der „Bild“-Schlagzeile steckt, gehen in dem Buch kluge Autoren wie Verleger Manuel Herder, der Kölner Stadtjugendseelsorger Dominik Meiering und der Essayist G.H. Holländer nach. Eine unprätentiöse, bescheidene Antwort gibt der Künstler selbst, der, wie schon mehrfach auch bei Ausstellungen in der Burghauner Galerie Liebau zu entdecken war, in vielen seiner Werke das Spiel mit Marken und Werbebotschaften bis zum Exzess treibt: „Ich malte ein Zitat, brachte es mit anderen Zitaten in einen Dialog und versuchte, dadurch etwas zum Schwingen zu bringen.“

Jens Lorenzen: Papst-BILD.
48 Seiten. 19,95 Euro.
Herder.


Von Bernd Loskant, Fuldaer Zeitung vom 17. März 2012


Mehr lesen über Jens Lorenzen:
Künstler der Galerie Liebau | Maler Jens Lorenzen
Artikel Bild Frankfurt "Lorenzen in Burghaun" vom 17. April 2010
Jens-Lorenzen-Ausstellung in Burghaun (Fuldaer Zeitung vom 7. Mai 2010)
Bild-Artikel vom 15. April 2012 zur Papstaudienz von Jens Lorenzen
Bundesaußenminister Westerwelle besucht Jens Lorenzen auf der "Art Fair" Köln

Videos zu Jens Lorenzen:
Privat-Audienz für BILD und Jens Lorenzen beim Papst, Video vom 15.04.2010
BILD besuchte Jens Lorenzen in seinem Atelier, Video vom 15.01.2010

Arbeiten von Jens Lorenzen in der Galerie Liebau:
Ausstellung "Künstler der Galerie" | 01. Juli bis 05. August 2012


Alle News über Künstler, Ausstellungen und Aktionen der Galerie Liebau:
News-Archiv